Kuhgebundene Milchviehhaltung

Eine biobauernfamilie in wall lässt ihre Kälber von Mutter- und Ammenkühen säugen und engagiert sich für die Aufzucht von Stierkälbern in der region


»Wir halten unsere Rinder so, dass es auch für uns als Familie passt. Das ist nicht immer hochrentabel, aber die Wertschöpfung lässt sich steigern, weil wir breit aufgestellt sind. Wir haben beschlossen, dass wir über unsere Arbeit informieren und selbst vermarkten.« 

Marina Stürzer, Biobäuerin und Pädagogin

»Hier im Oberland haben wir die besten Bedingungen: Gute Böden, sauberes Wasser, ausreichend Niederschläge. Wenn wir gut damit umgehen, ist alles da. Es wäre geradezu eine Sünde, hier keine Landwirtschaft zu betreiben.«

Albert Stürzer, Biobauer und Schreiner   

Wer bei Miesbach an der Mangfall von der Bundesstrasse Richtung Wall abbiegt und ins Rechtal findet, gelangt zum Hairer, einem der auffallend schönen Einfirsthöfe in der Haglandschaft des Oberlandes. Hier führt die Familie Stürzer einen Milchviehbetrieb mit kuhgebundener Kälberaufzucht. Die weißbraungefleckten Kühe ziehen beim Weiden gemächlich über die Flächen, die vom Waldrand bis zum Grund der Nachbarhöfe reichen. Herzlich begrüßt Marina Stürzer einige junge Köche vom Tannerhof in Bayrischzell und der Bergzeit-Kantine in Otterfing, die sich über Rinderhaltung und konkret über den Vertrieb von Bioweidefleisch informieren möchten. Marina Stürzer hat als Pädagogin und Erlebnisbäuerin viel Erfahrung darin, über ihre Landwirtschaft zu informieren. Heute haben die Stürzers mit der Oberland Bioweiderind GmbH zum Hofgespräch geladen. 

»Jedes Jahr bekommen 5000 Bio-Milchkühe im Landkreis Miesbach ein Kalb, damit sie Milch geben können. Mehr als die Hälfte dieser Kälber wird nicht für die Nachzucht gebraucht und überwiegend nach vier Wochen an Mäster verkauft. Das bedeutet, sie müssen weit reisen, und werden oft auf Vollspaltenböden und ohne Weidegang gemästet, und sie verlieren ihren Biostatus.« Olaf Fries ist IT ler, im weißen Hemd und Jeans steht er in einem zum Seminarraum ausgebauten Hofgebäude und erklärt Powerpointfolien, die er an die Wand projiziert. Im Januar 2023 wurde zusätzlich zum Verein Oberland Bioweiderind eV eine gleichnamige GmbH gegründet. Denn wenn gewährleistet sein soll, dass die Biokälber der Bauern in der Region verbleiben, muss ein Vertrieb für die Masttiere mitgedacht und etabliert werden. Wie eng Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in der Landwirtschaft zusammen gehören, wissen die Stürzers. Sie vermarkten bereits seit 2019 gemeinsam mit anderen Betrieben in Wall und Umgebung Biofleisch ab Hof. Doch um sich für die Aufzucht aller Biokälber im Miesbacher Landkreis einzusetzen, muss größer gedacht werden.  Seit der Spezialisierung auf die Milchwirtschaft fehlt es hier an einer Infrastruktur für die Rindfleischerzeugung. Doch bedingt durch die strikte Milchpreispolitik fingen einige Höfe wieder an, Tiere zu mästen und ihr Fleisch selbst zu vermarkten, was viel Arbeit bedeutet, aber auch eine bessere Wertschöpfung. Um diese Entwicklung, die besonders für kleine Betriebe interessant ist, zu fördern, braucht es ein richtiges Netzwerk und Unterstützung von außen. Durch Stephanie Stiller von der  REO (Regionalentwicklung Oberland) kamen die Stürzers mit Bernhard Wolf und Andrea Brenner ins Gespräch, die sich als Koch und Ernährungsexpertin in ihrem Konzeptbetrieb machtSinn in Holzkirchen für regionale Lebensmittel stark machen. Dann stieß der Unternehmer und Großhändler für Biolebensmittel Herrmann Oswald dazu. So kümmert sich die Oberland Bioweiderind GmbH mit fünf Gesellschaftern, von denen einer der Verein selbst ist, um alles Wirtschaftliche. Stephanie Stiller vertritt die REO innerhalb des Vereins und sammelt Informationen von Kommunen, Erzeugern, Verarbeitern und Verbrauchern. Zum Hofgespräch sind die Gesellschafter  im guten Gewand fürs Gruppenfoto zusammengekommen, aber vor allem sind sie gern hier, weil diese Zusammenkünfte zum angenehmen Teil ihres Engagements gehören. Das hier ist kein Pflichttermin, der aus Zahlen und Limitierungen besteht, sondern eine Gelegenheit, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die ihr Fleisch längerfristig abnehmen sollen. In der Umgebung, in der die Tiere gehalten werden, um die es hier geht. (…) 

(Text weiter in Magazin bauernlandschaft No. 1)